Häusliche Gewalt

Der 'Tages-Anzeiger' hat ein Interview zum Thema 'Häusliche Gewalt' geführt. Lesen Sie das Interview und den Standpunkt von Hans-Peter Küpfer.

© Tages-Anzeiger; 17.07.2007

NACHGEFRAGT «MÄNNER SCHILDERN UNS IHRE VERSION DER GESCHEHNISSE»
Gewalttätige Männer darf die Polizei neu aus der Wohnung weisen. Sie werden vom Zürcher Mannebüro beraten. 

Mit Werner Huwiler* sprach Denise Marquard  

Wie reagieren die Männer, die von der Polizei aus der Wohnung gewiesen wurden?

Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen, sowohl von jenen, mit denen wir bloss telefonieren, als auch von jenen, die anschliessend in die Beratung kommen. Wichtig ist, dass wir diese Männer sofort nach der polizeilichen Intervention erreichen, nicht erst dann, wenn ihre Wut schon wieder abgeklungen ist. 

Warum?

Weil Männer dann am authentischsten sind und ihre Gefühle direkt zeigen, statt sie zu überspielen und zu entschuldigen. I

st diese Kontaktaufnahme nicht bloss ein Kropfleeren, das zur Bewältigung der Probleme gar nichts beiträgt?

Es ist beides. Zum Kropfleeren gehört, dass die Männer bei uns ihre Version der Geschehnisse schildern und gleichzeitig Dampf ablassen können. 

Das ändert doch nichts an der Situation, die zur Eskalation geführt hat.

Das kann man so nicht sagen. Wir besprechen mit diesen Männern ihre Situation, planen die nächsten Schritte. Häufig wird über Kindererziehung gestritten. Da können wir darauf hinweisen, welche Möglichkeiten es gibt, um eine solche Situation zu entlasten. Wir können die Motivationsarbeit leisten. Eine Zwangsberatung würde gar nichts bringen. 

Die Polizei hat seit April in 298 Fällen Schutzmassnahmen - von der Wegweisung bis zum Kontaktverbot - angeordnet. Das Mannebüro hat in der gleichen Zeit 245 Verfügungen erhalten. Wie viele davon haben Sie kontaktiert?

Wir haben mit 115 Männern telefoniert. Etwas mehr als die Hälfte ist bei uns zu einem Gespräch vorbeigekommen, wenige verlangten von sich aus eine weiterführende Gewaltberatung. Die restlichen Männer konnten nicht erreicht werden, weil wir ihre Sprache nicht verstanden, weil sie im Gefängnis waren oder weil sie keine Kontaktadresse angegeben haben. 

Die Hälfte, das sind aber nicht sehr viele.

Männern bereitet das Aufsuchen einer Beratungsstelle oft Mühe.

Weshalb ist das so?

Viele Männer sind es gewohnt, Probleme selber zu lösen. Wenn das nicht mehr geht, fühlen sie sich als Versager. Das hat mit Erziehung und Rollenbildern zu tun. Wenn Buben auf dem Pausenplatz streiten, dann heisst es zu Hause: Regle das selbstständig. 

Können Sie schon etwas über die Rückfallquote sagen?

Das ist noch zu früh. Wir hoffen natürlich, dass ein Mann nach einer telefonischen Kontaktaufnahme oder einem Beratungsgespräche beim nächsten Mal rechtzeitig merkt, dass er möglicherweise wieder am selben Punkt steht und zu uns kommt, bevor der Streit eskaliert. 

Ist das neue Gesetz auch schon von angeblichen Opfern missbraucht worden?

Selbstverständlich haben wir auch schon Männer gehabt, die den vorgefallenen Sachverhalt bestritten haben. Das ist aber eine Frage, die in einem Strafverfahren geklärt werden muss. Wenn die Polizei eine Schutzmassnahme ergreift, ist das noch keine Aussage zu schuldig oder nicht schuldig, Wahrheit oder Lüge. 

Inwiefern hat sich durch diese Regelung die Arbeit des Mannebüros verändert?

Wir haben zwei 60-Prozent- und eine Praktikantenstelle. Das ist eindeutig zu wenig. Ausserdem haben wir ein Sprachenproblem. Wir brauchen zusätzliche Kulturvermittler. Ansonsten ist dieses neue Gesetz ein Meilenstein: Bisher haben wir nur Männer beraten, die von sich aus zu uns kamen. Jetzt haben wir auch jene, die nicht freiwillig kommen. 

* Werner Huwiler leitet das Mannebüro Züri.



im Forum Tagesanzeiger 21.7.2007 folgender Leserbrief dazu:
(die kursivdargestellten Passagen des Original-Leserbriefes wurden vom Tagi nicht übernommen) 

WENN MANN IM REGEN STEHEN BLEIBT

Wenn mann den vorgefallenen Sachverhalt bestreitet, ist das nach Mannebüro eine Frage, die im Raum stehen bleibt und in einem Strafverfahren geklärt werden müsste. Mann wundert sich nicht mehr, wenn auch der Tagi vorspurt: Es ist gleich vom bestrittenen vorgefallenen Sachverhalt die Rede, nicht vom angeblichen Sachverhalt und im Titel wird die männliche Schilderung gleich zur „Version“ der Geschehnisse. Die Gesellschaft geht beim neuen Opferhilfegesetze klar vom Mann als Täter und der Frau als Opfer aus. Dass jeweils zunächst mal bloss eine Behauptung einer Seite vorliegt, wird unter den Tisch gewischt.  

Es kommt niemandem in den Sinn, den wirklichen Sachverhalt abzuklären. Und wenn Männer selbst als Gewaltopfer betroffen sind, werden sie im Regen stehen gelassen. Offenbar auch vom Mannebüro. Solche Männer erzählen mir, dass sie von der Polizei ausgelacht werden. Von der Polizei, die angeblich vom Mannebüro beraten wird. Ich habe noch von keinem Fall gehört, wo eine Frau aus ihrer Wohnung gewiesen worden wäre und selbstverständlich führt weibliche Gewalt auch zu keinem Strafverfahren. Und sobald ein angegriffener Mann das selbst regelt, bzw. sich wehrt, muss er damit rechnen, selbst zum Schläger erklärt zu werden.

 Die Fachkommission für Gleichstellungsfragen des Kantons Bern hält in ihrem leider wenig beachteten Bericht von Eva Wyss «Wenn Frauen gewalttätig werden: Fakten contra Mythen» vom 22.11.2006 fest, dass häusliche Gewalt nicht auf Männer beschränkt sei. Polizeistatistiken zeigten, dass in mindestens zehn Prozent der angezeigten Fälle Gewalt von Frauen gegen Männer vorliege. Die bisherigen Untersuchungen zu häuslicher Gewalt basierten auf festgefahrenen Rollenbildern: Selbst Forschende fragten deshalb kaum nach Männern als Opfer und Frauen als Täterinnen.

Auch bei Gewalt gegen Kinder werde eine Mutter als Täterin kaum thematisiert, obschon nach neueren Untersuchungen Väter und Mütter etwa zu gleichen Teilen Gewalt gegen Kinder anwenden würden. Klar, dass ich Gewalt und Tätlichkeiten ablehne. Eine Anzahl betroffener Väter bestätigt mir aber, dass Behörden vor mütterlicher Gewalt gegen ihre Kinder die Augen verschliessen. Am 8. Mai tat dies selbst das Bundesgericht (1P.67/2007 /fun).

Und Jugendgewalt, als zurzeit populistisches Thema, spiegelt letztlich nichts anderes, als unsere gewaltbereite, durch Gewalt faszinierte und im Grunde Gewalt tolerierende Gesellschaft.Wenn darüber ausgerechnet eine Fachkommission für Gleichstellungsfragen Alarm schlägt, sollten wir endlich die Augen öffnen! 

HANSPETER KÜPFER, ZÜRICH
Scheidungsberater «mannschafft»

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