| Vollständiges Interview mit Dr. Schmid |
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| Dienstag, den 13. Januar 2009 um 09:09 Uhr |
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Hier finden Sie das vollständige Interview mit Dr. Johannes Schmid. Davon ist in der ent!scheidung 4/08 eine gekürzte Version erschienen.
Herr Schmid, bitte erzählen Sie uns
etwas über Ihren Werdegang.
Ich habe ein klassisches Psychologie-Studium, ein klassisches Doktorat sowie eine klassische Zusatzausbildung als Psychotherapeut gemacht. Darin ist man im Gegensatz zu früher nicht mehr einer bestimmten Schule wie etwa der Tiefen- oder der Verhaltenspsychologie verpflichtet. Man benutzt Elemente aus allen Schulen, die sich bewährt haben und die über eine wissenschaftliche Fundierung verfügen. Man versucht, so in der theoretischen Diskussion wegzukommen von der Schulengläubigkeit. Fast in jeder Schule gibt es einen Ansatz der interessant ist, der auch seine Berechtigung hat. Seit 10 oder 12 Jahren versucht man, das was man unter Psychotherapie versteht, unter einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt zu betrachten. Es ist nicht mehr so, dass man sagt: Ich mache nur Verhaltenstherapie und der Rest ist mir egal.' Es kann sein, dass man manchmal nur verhaltenstherapeutisch arbeitet, aber bei einem anderen Problem mit gleicher Symptomatik die Verhaltenstherapie völlig versagt. Deshalb muss ich hinter die Kulissen des Geschehens sehen. Manchmal reicht es zu sagen: Jetzt trainiere mal, das statt so einmal so zu machen.' Den anderen muss ich fragen: Was ist den dein Motiv? Wir müssen dein Muster verstehen lernen.'
Wie lange sind Sie schon in Dielsdorf Über 10 Jahre
Wie unterscheiden sich die Menschen, die zu Ihnen in Dielsdorf in die Praxis kommen, von denen anderswo, z.B. in der Stadt Zürich? Schwierig, da müssten Sie die fragen, die in Zürich arbeiten. Es gibt soziologische Unterschiede hier im Vergleich zur Stadt Zürich. Die Problemlagen, die Gefühle, die Sorgen, die Unsicherheiten, die Störungen, das sind dieselben. Das sind menschliche Problemlagen, menschliche Störungsbilder, die wirklich in allen Schichten gleich aussehen, die in allen Gesellschaftsgruppen auf eine ähnliche Art und Weise auftreten. Menschen haben Gefühle, und Gefühle beschäftigen uns, ob wir in begüterten Verhältnissen leben oder nicht. Es sind Gefühle. Da haben wir von der psychologischen Seite her ein Rüstzeug, das besagt: Gefühle entstehen, Gefühle haben ihre Biographie, ob ich nun auf der oder der Art aufgewachsen bin. Wir müssen einen Zugang finden, wo die Gefühle letztlich stocken und wo die Menschen letztlich aus eigener Kraft nicht mehr heraus kommen.
Gibt es in Ihrem Klientenkreis gewisse Schwerpunkte? Ohne jetzt mit erhärteten Daten zu kommen: Wir müssten unsere Datenbestände auswerten um zu sehen: Wo sind die Schwerpunkte der Problembilder? Ohne dies zu tun, würde ich doch einen Bereich gewichten - wir glauben, es ist fast eine Widerspiegelung unserer Situation heute; es ist der Bereich der sich unter einem Begriff fassen lässt: Sinnfrage. Wissen Sie, Menschen, die mit sich, mit ihrem Leben wie nicht mehr viel anzufangen wissen, die haben wir viel. Und natürlich, trotz Finanzkrise haben wir vieles, manchmal im Überfluss. Die Kinder haben zum Teil sehr viel, nur vieles haben sie eben auch nicht. Die Menschen, die auch viel hätten, leben aber manchmal an den eigentlichen Inhalten vorbei. Hier kommen wir schon fast in den Bereich der Partnerschaft, in Bereich der Ehen hinein. Was man oft findet hier, wenn Paare kommen, beziehungsweise wenn Menschen kommen nach Trennungen, und wenn man dann in die Analyse hinein geht, das ist ja für jene, die hier herkommen, wäre es ja durchaus sinnvoll, dass Menschen verstehen, wie es zum Scheitern kam. Gut, das machen nur die, die hierher kommen. Viele gehen danach in die nächste Beziehung und denken darüber gar nicht nach und machen den gleichen Fehler wieder. Menschen, die hierher kommen, die haben ja irgendwie eine Idee, die möchten das verstehen - wie kam es eigentlich dazu? Ich habe gestern einen Herrn gehabt, nach 30 Jahren Ehe ist jetzt eine Trennung da. Und das ist nun etwas fast musterhaft Typisches: Auf die Frage: Sagen Sie einmal, was glauben Sie, wie kam diese Entwicklung innerhalb Ihrer Partnerschaft, innerhalb Ihrer Ehe bis zu dem Punkt der Trennung?' Dann sagen sehr, sehr viele: Wir haben uns verloren'. Und dann frage ich genauer nach: Was heisst das, Sie haben sich verloren?' Und dann kommen solche sich fast immer wiederholenden Gedankengänge zum Vorschein, die besagen: Sie haben nicht mit Achtsamkeit die Ehe oder Partnerschaft geführt, sie haben die Partnerschaft nicht gepflegt, sie haben sich verloren im Alltäglichen, sie haben keine Freiräume gesucht, etwas Gemeinsames. Und wenn wir die Frage des Sinns ansprechen: Sie haben sich innerhalb ihrer Partnerschaft nicht etwas aufgebaut, von dem dieses Paar hätte sagen können: Dies ist das uns gemeinsam Bindende innerhalb einer Beziehung. Die Leute kommen hierher und sagen dann: Wir haben uns doch irgendwie auseinander gelebt. Schon mindestens ein paar Jahre.' Und dann sagen sie: Es kam schleichend.' Und dann frage ich nach: Was heisst schleichend; Sie haben darauf nicht geachtet? Sie haben doch bemerkt: Etwas beginnt sich in Ihrer Beziehung zu verändern.' Und dann sagen sie - gestern der Herr sagte: Wir haben uns ausgeschwiegen, wir haben unsere Gefühle ausgeschwiegen.' Und am Ende dann ist dann dieser Abstand dermassen gross, dass wir irgendwann mal sagen: Ist das alles, was ich vom Leben zu erwarten gehabt hätte? Dass ich heute an einem Punkt stehe, wo ich nicht gemeinsam lebe, wo ich letztlich einsam in der Zweisamkeit lebe.' Und das ist etwas, wo Sie nach einem Muster fragen, ob es etwas Verbindendes gibt, das man immer wieder vorfinden würde, dann würde, dann würde ich aus der Erfahrung daraus dort ein Stückweit ein Schwerpunkt legen. Die Frage des Sinns, beziehungsweise die Frage des Verbindenden. Wo Paare es nicht geschafft haben etwas Verbindendes innerhalb ihrer Ehe aufzubauen.
... also so etwas wie eine gemeinsame Vision, wonach Paare ihre Beziehung ausrichten? Sie nennen es Vision. Ich habe einmal ein Paar gehabt, ein älteres Ehepaar, die haben Kaffeerahm-Deckeli gesammelt, sie hatten gemeinsame Austauschbörsen, wo sie sich mit Gleichgesinnten austauschten - die waren ganz unbeschwert. Das Interessante war: verbunden. Jemand von der Stadt würde jetzt sagen: Na ja...' Worauf ich sagen würde: Halt! Dieses Paar hat etwas, das viele Paare in der Stadt eben nicht mehr haben. Heute lautet das Motto in der Stadt: Er Karriere, sie Karriere. Mehr verdienen - noch mehr Karriere. Alles ist darauf fokussiert - noch ein Stück mehr, noch ein Stück weiter nach oben. Man weiss nicht wohin, man weiss schon gar nicht wozu, aber man macht es. Es gilt dann im Leben diesen Imperativ: Wir müssen halt Karriereplanung machen. Dann gehen er oder sie in ein Seminar zur Karriereplanung. Aber Beziehungsplanung, Eheplanung? Wie können wir unsere Ehe zu einem Höchstzustand bringen - um Gottes Willen! Die Ehe geht dann unter, unter dem Diktat der Karriereplanung. Dann merkt man: Wenn dies geschieht, wenn eine Unterordnung schon geschieht, unter einen Imperativ, der von aussen vorgegeben wird - und da haben wir den Imperativ, wie man heute lebt, von aussen, die Karriere. Und wenn da ein Paar nicht sehr bewusst und sehr achtsam und nicht in einer emotionalen Tuchfühlung miteinander einen Weg generiert, dann haben wir genau das, was wir konstatieren - sie verlieren sich. Wo haben wir noch etwas?
Mein Eindruck ist, dass heute eine Beziehung, eine Partnerschaft sehr viele Dinge erfüllen muss. Sie haben die Suche nach Sinn angesprochen, die Beziehung muss aber auch eine Erfüllte Freundschaft bieten und ist ein Surrogat für spirituelle Erfüllung. Ist sie damit nicht überfordert? Jemand sagte einmal den schönen Satz zum Geheimnis der Ehe - ein schöner Gedanke: Das Geheimnis der Ehe liegt auch in der Frage, wie ein Paar mit unerfüllten Erwartungen und Enttäuschungen umgeht. In gewisser Weise beinhaltet es einen Verzicht - den Verzicht darauf, dass das Gegenüber das eigene Glück erfüllen würde. Und überhaupt ist es eine der herausragenden Möglichkeiten, eine Ehe in die Verzweiflung zu stürzen, wenn man den Wunsch zu heiraten mit dem Wunsch nach dem gemeinsamen Glück verbindet. Wenn das schon quasi das einzige Ziel ist, dann steht das Paar keine Schwierigkeiten, keine Tiefs, keine tieferen Durststrecken durch, wo man sagen kann: Ich habe heute nicht das Glücksgefühl der Liebe bei dir, aber ich bin gerne mit dir zusammen. Der bereitwillige Verzicht auf diese Glücksvorstellung ermöglicht es erst, Momente des Glücks in der Partnerschaft oder im Eheleben aufkeimen zu lassen. Ein Loblied auf den gelingenden Alltag, also. Und das ist der spannende Punkt dabei. Einen Lebensalltag oder auch einen Arbeitsalltag so zu gestalten, dass man sagen kann: Auch das ist schön mit dem Partner. Aber dafür ist oft kein Bewusstsein da, keine Achtsamkeit. Wie gesagt: Wenn eine Achtsamkeit für diese Dimension des gestalteten und des zu gestaltenden Alltags fehlt - dann haben wir das Desaster. Wenn ich dann den Paaren zuhöre, kommen wir immer wieder auf diesen Punkt, dass die Menschen retrospektiv sagen: Ich hätte es mehr gestalten müssen. Ich glaube, mein Fehler, mein Versagen in der Partnerschaft war, dass ich es habe geschehen lassen. ES war es, das die Beziehung gestaltet hat, nicht ich.' Da fängt der Einsichtsprozess an. Und aus diesen Einsichtsprozessen heraus nehmen dann natürlich Menschen etwas mit. Sie sagen sich dann: Das nächste Mal, wenn ich wieder eine Beziehung eingehe, dann werde ich darauf achten.' Dass nicht einfach eine Ehe geschieht oder eben nicht geschieht, sondern sie muss gestaltet werden.
Sind das mehr Frauen, die zu Ihnen kommen oder sind das mehr Männer? Innerhalb der Ehe sind es mehrheitlich Frauen. Ohne Ihnen jetzt Prozentzahlen nennen zu können ist mein subjektiver Eindruck, dass mehrheitlich Frauen als erste kommen. Sie berichten: Ich habe das Gefühl, dass...' Jetzt kann man aufzählen. Letzte Woche hatte ich eine Dame da, die sagte: Ich komme an meinen Mann nicht ran. Wenn ich ihm sagen will, dass ich das Gefühl habe, wir kommen im Gespräch zu wenig aneinander ran, dann blockt er ab, sagt sie. Dann steht er auf und geht.' Und die Frau ist verzweifelt. Sie möchte mehr durch das verbale Geschehen einen Bezug zu ihrem Mann aufbauen, und thematisiert es, und er blockt ab. Das heisst also: Man kann doch sehen, eine Frau scheint eher das als Problem zu fühlen, wenn man sich zu verlieren beginnt - das soll keine Wertung sein, dass die Männer das nicht könnten - es gibt auch Männer die das machen. Bei Frauen scheinen eher die Alarmglocken zu läuten. Das heisst nicht, dass sie dann hierher kommen und das klar und deutlich thematisieren. Es kann sein, dass Streit auftritt, dass Kritik auftritt, alle möglichen Symptome können dann kommen, die dann die Ehe noch mehr stören. Dann muss man natürlich die Symptome übersetzen. Was ist der Hintergrund, dass sie immer streitet, dass sie immer kritisiert? Dann merken wir: Das ist meine letzte Variante die ich habe, um ihn aufzurütteln. Es kann eine lange Zeit vorausgehen, bis eine solche Situation eintritt.
Kommen die Männer erst zu Ihnen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und bereits grosse Probleme in der Beziehung bestehen? Das ist manchmal so, wenn es schon zu spät ist. Es gelingt manchmal, das einer von beiden selbst eine Entwicklung macht, und beginnt, das aus sich selbst heraus in einer beruhigteren Art zu thematisieren innerhalb der Ehe. Das bedingt dann sehr oft, dass dann die Frau vorangeht und dass der Mann mitkommt. Es gibt sich dann, dass der Mann mitzieht, er will sie nicht verlieren, sehr oft und beginnt dann, daran mitzuarbeiten an einer Regenerierung der Partnerschaft. Dass heisst dann, dann sich die Paare sehr bemühen auf beiden Seiten. Wenn die Verantwortlichkeit für die Partnerschaft nicht wahrgenommen worden ist, und gewisserweise in einer Entwicklung auf einem höheren, einem reicheren Niveau die Partnerschaft behalten können, dass dann eine Form der Beziehung auftaucht, die reicher werden kann.
Was braucht es dazu? Eine bessere Kommunikation? Oder muss man sich auf ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Vision verständigen? Natürlich ist Kommunikation wichtig. Es gibt amerikanische Untersuchungen, die man gemacht hat. Forscher haben Paare untersucht - nur 10 Minuten - und haben die Paare auf Video aufgenommen, und mit einer 98-prozentigen Wahrscheinlichkeit konnte man voraussagen, ob die Paare sich trennen werden oder nicht - nur anhand einer Mikro-Analyse der Kommunikation. Und aus dem heraus haben amerikanische Paarpsychologen Verhaltensregeln abgeleitet, die man auf 5 bis 6 Punkte zusammenfassen kann. Hochinteressant. Da gibt es unendlich viele Forschungsdaten... Die Paare muss man erst einmal zur Seite nehmen und sagen: Hallo, aufwachen! Ihr seid verantwortlich, für das, was geschieht. Und wenn ihr so redet, wie viele Paare miteinander reden: Und DU hast nicht aufgepasst, und DU hast nicht...' Das kennen Sie auch, die sogenannte Externalisierung der Probleme. Der andere ist schuld. Können Sie nicht dafür sorgen, dass meine Frau besser wird? Wenn meine Frau nicht so wäre wie sie ist, dann hätten wir den besten Frieden zu hause.
Das ist, wie wenn man sein Auto in die Garage bringt... Das habe ich schon so ähnlich erlebt. Da ruft mich ein Herr an und sagt: Ich habe meiner Frau gesagt, dass sie zu Ihnen kommen soll. - Ja warum denn? - Wir haben Eheschwierigkeiten. - Ja wer hat sie denn? - Ja meine Frau hat sie. - Wollen Sie denn nicht gleich mitkommen? - Ich? Meine Frau geht.' - Schluss. Es ist immer wieder auffällig, wie wenig Bewusstsein da ist. Die Leute kennen alle Funktionen auf dem neuen iPhone von Apple in- und auswendig. Aber fragen Sie einmal nach: Nenne mir drei Grundregeln für eine funktionierende Ehe.' - Tja, darüber habe ich noch nicht so nachgedacht.' Das ist die Diskrepanz. Das, was das Gefühlsleben betrifft, und auch das soziale Geschehen, das was bekannte Psychologen als die soziale Intelligenz, als die emotionale Intelligenz beschrieben haben. Und dann sieht man sich die Schulbildung an und fragt sich manchmal: Warum ist das Problem nicht ausgebildet?'
Ist dies auf beide Geschlechter gleich verteilt oder gibt es da Schwerpunkte? Das ist aber eine heikle Frage! Ich kann die Frage gar nicht wirklich beantworten. Darauf will ich mich gar nicht einlassen, weder einlassen können noch einlassen wollen. Damit kann man leicht politisieren. Wenn ein Erfahrungswert, dann das sowohl als auch'. Ich habe Frauen kennen gelernt, wo ich manchmal denke: Mein Gott, die versteht ihren Mann aber überhaupt nicht.' Und ich habe Männer kennen gelernt, die haben noch weniger Ahnung, was ihre Frau eigentlich für Bedürfnisse hat: Ja aber ich bringe ihr doch einmal im Monat drei Rosen mit.' Und die Frau von diesem Mann sagt mir hier: Ich brauche die Rosen nicht. Ich wünschte mir, dass er mir einmal im Tag ein SMS schickt, worin steht: Ich freue mich, dich heute abend wieder zu sehen. Er kommt nach Hause, fasst mich an und er will etwas von mir, körperlich. Wissen Sie, das Gefühl hat er mir nicht gegeben, dass ich begehrt bin.' Wo ist mehr, wo ist weniger? Um diese Frage zu beantworten, müssen Sie fast in die Forschung hineingehen, die Datenlage auswerten, wenn man es überhaupt empirisch erfassen kann.
Dann tragen beide Seiten Verantwortung für eine mangelnde Kommunikation. Wenn z.B. sie einen Mangel verspürt, dann liegt es an ihr, dies auch zu äussern? Ja, das ist eigentlich, worauf ich hinaus möchte. Darum sagte ich, ich möchte mich auf diese Frage gar nicht so einlassen, weil was man sieht ist: Beide Seiten übernehmen nicht die Verantwortung für das, was geschieht. Ich kann jetzt kommen und sagen: Fahren z.B. an einem Sonntag nach Schwamendingen hinaus, wo diese grosse Do-it-yourself Waschanlage steht. Gehen sie einmal an einem schönen Sonntag nachmittag im Sommer dorthin. Dann stehen die Herren da und mit der Hochdruckdüse wird der Wagen gewaschen und dann wird mit der Zahnbürste zwischen den Speichen der Dreck noch weg gemacht. Und dann stehen sie da, stehen sogar an und warten, warten, warten. Und wenn ich da vorbei fahre, denke ich mir: Was machen die Frauen derweilen, es sind ja keine Singles, die da stehen. Die polieren ihr Auto mit einer Liebe, mit einem Speziellen Schwamm, mit einem speziellen Frottee-Handschuh, da frage ich mich: Pflegen sie ihre Frau mit einem Frottee-Handschuh genau so? Oder sitzt die Frau einfach zu Hause, macht das Abendessen, dann kommt er, setzt sich noch kurz vor den Fernseher, dann gibt es Abendessen. Wirklich. Das ist so ein Teil: Die Pflege einer Beziehung. Das ist etwas, was man nicht gerne hört und mitbekommt. Und da kann man sich manchmal die Haare zerraufen, dass das nicht im Bewusstsein ist, was das heisst, eine Partnerschaft zu pflegen. Ich habe ein einziges Mal, in der Zeit wo wir schon hier sind, einen Herrn kennen gelernt, wo wir schon hier sind, der war 65, der war schon 30 oder 35 Jahre verheiratet. Ich sage Ihnen, dass hätte man auf Tonband oder auf Video aufnehmen müssen. Ich lieb meine Frau heute noch genau so.' Und dann frage ich den Herrn: Wie kommt das?' Und dann sagt dieser Herr, wie er das oder wie sie das geschafft haben. Der ehemalige Bundeskanzler Schmidt war kürzlich am Fernsehen, in einem Interview; die haben hat ein Hochzeitsjubiläum gefeiert, das es eigentlich gar nicht gibt - 65 Jahre Hochzeitstag. Da wurde er gefragt: Wie haben Sie das geschafft? Die Beziehung ist immer noch da.' Und er hat berichtet, dass die Beziehung immer noch lebendig ist. Und da hat er 2, 3 Punkte genannt. Da möchte ich auf das Buch von Jürg Willi verweisen: Was hält Paare zusammen'. Er hat das wunderschön ausgearbeitet, Er hat viele empirische Daten gesammelt und 5, 6 Punkte herausdestilliert. Und zwar nicht von Jungen, sondern von 70-80 jährigen Paaren. Es ist das Verbindende, es ist das Gemeinsame, es ist die gute Kommunikation, es ist der gemeinsam eroberte Lebenskontext, von dem beide sagen können, das ist unser Leben, das wir aufgebaut haben. Und immer sehen wir aber in diesen Gedankengängen den aktiven Part dieses Paares. Das sind Paare, die haben etwas aufgebaut. Etwas aufbauen heisst aber auch eine Bereitschaft zu haben, dass man während des Aufbaus auch mal scheitert, dass etwas zusammen bricht, dass etwas einmal nicht gut geht. Ich glaube - und dies ist eine vorsichtige Deutung - dass die Bereitschaft, dass auch etwas einmal scheitern kann, dass etwas nicht so gut läuft, abnimmt, abgenommen hat. Die Erfahrung, der andere will keine Sorgen sondern mich glücklich.
Wie gehen Sie vor, um den Leuten diese Dinge klar zu machen, darauf hinzuweisen in Ihrer Arbeit? Wenn Sie merken, da klappt es z.B. nicht mit der Kommunikation? Sie müssen die Menschen, die hierher kommen, dazu anregen, selber darüber nachzudenken, was sie gemacht oder nicht gemacht haben. Das heisst: Vieles geschieht durch Fragen. Wo ein Erkenntnisprozess vollzogen wird durch bestimmte Arten von Fragen. Zum Beispiel gestern der Herr: Da kam mir eine Idee, womit das zusammenhängen kann. Dann fordere ich die Menschen dazu auf, darüber einmal nachzudenken, wovon er sagt: Wir haben es totgeschwiegen.'Er hat es sehr oft totgeschwiegen und unter den Teppich gekehrt. Und jetzt frage ich: Haben Sie eine Idee?' Manchmal sogar mit Arbeitsaufträgen. Dass sie mir etwas liefern sollen bis zum nächsten Mal, dass sie mir Themen geben sollen: Was haben Sie sich überlegt?' Wenn ich von Mal zu Mal arbeite: Das nächste Mal möchte ich mit Ihnen das einmal genauer besprechen: Was war Ihr Anteil daran, dass es zu dem gekommen ist, wie es gekommen ist?' Und das schreibe ich auf. Er soll sich bis zum nächsten Mal Gedanken machen. Und das heisst, diesen selbstreflektorischen Teil ein Stück weit zu leben; wie man etwas entwickelt, dass die Menschen nachdenken, über das was sie tun bzw. nicht getan haben. Es ist gewisserweise die Förderung der Selbstreflektion, dass viele selbst solche Antworten finden. Klar gebe ich Hinweise, gebe ich etwas zum lesen, gebe ich entsprechende Inputs, Verhaltenstraining, Anweisungen. Es geht ja darum, dass ein Mensch aus einer sogenannten Eigenmotivation beginnt, etwas zu verändern. Wenn es nur von aussen aufgedrückt ist, dann bucht er bald wieder da. Wenn er aber aus sich selber heraus erkennt: Ich muss etwas tun, ich muss lernen, ich muss mich bemühen lernen.' Ein Herr kommt hierher und sagt: Wissen Sie, ich glaube, ich muss mehr lernen, meiner Frau zuzuhören.' Dann sage ich: Jawohl, das ist es, woran es in Ihrer Ehe mangelt. Sie reden nicht miteinander. Dadurch verlieren Sie sich.' Also ich würde eher den Schwerpunkt auf diese Ebene legen: Ein Versuch - und es sind nur Versuche, die ich hier leisten kann - eine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Dass ER selber lernt, die Verantwortung für das zu übernehmen, wofür er eines Tages die Verantwortung tragen muss. Ich sage jedem: Sie haben es in der Hand, wenn Sie 70 sind, dort oder dort stehen.'
Eine Selbstreflektion oder über sich nachzudenken bedarf einer gewissen emotionalen Stabilität. In einer Krisensituation ist das sehr schwierig. Die Leute mit Beziehungsproblemen und -krisen, die zu Ihnen kommen: Sind sie in ihrer Mehrzahl schon ausgeglichen und stabil? Sie sagen richtig, die Frage ob man überhaupt so weit gehen kann auf der Ebene der Selbstreflektion steht in Abhängigkeit von der inneren Gesamtstabilität, von dem inneren Selbstwertkonzept. Wenn das natürlich stark defizitär ist, dann können Sie mit solchen Fragen gar nicht kommen, weil das so viel in Frage stellen würde. Wirklich über sich Nachdenken erfordert eine selbstreflektorisch-kritische Haltung sicht selbst gegenüber einzunehmen; das können wir erst, wenn ein Stückweit eine Stabilisierung eingetreten ist. Das heisst also, es gibt manchmal Situationen, in der wir Fragen noch gar nicht stellen können. Da müssen wir erst einmal Linderung, Beruhigung hineinbringen, dass jemand zur Ruhe kommen, einen ruhigeren Lebensvollzug aufbauen kann. Da kann man nicht Zak - hinein, da muss man manchmal sehr, sehr vorsichtig agieren. Da sind Gefühle, die wir vor uns haben. Was man eben sehr oft merkt, ist, dass die Paare diese Sensibilität für das Gefühl des Gegenübers überhaupt nicht haben, aber sie beschäftigen sich auch nicht damit. Es ist dann schöner, sich den neusten James Bond anzukucken, als den anderen einmal zu fragen: Du, was fühlst du denn, wie geht's dir eigentlich?' Allein diese banale Frage: Wie fühlst du dich neben mir? Bist du neben mir wirklich?' Machen Sie einmal eine Umfrage, wie oft sich Paare diese Frage stellen: Was kann ich tun, dass du neben mir glücklich bist?'
Was ich selbst in diesem Kontext erlebt habe ist, dass die Antwort nicht ehrlich ist. Anstatt ehrlicherweise zuzugeben: Heute geht es mir gar nicht gut! Möchte man den Anderen nicht verletzen oder brüskieren und sagt: alles in Ordnung. Aber genau das kann ja ein Indiz sein für die Qualität der Partnerschaft. Dann spiele ich etwas vor! Man hat keinen authentischen Bezug zueinander. Wie sagte jemand letzte Woche: Ich will kein Ärger haben.' Das heisst: Man schweigt etwas aus, um in keine Auseinandersetzung hineinzugeraten. Aber dummerweise gibt es so etwas in jeder Partnerschaft. Wenn wir solche Schutzstrategien aufbauen, das verschweigen und das so einen hohen Stellenwert bekommt und nicht mehr das ansprechen können, weil wir uns nicht mehr getrauen, das anzusprechen, wo wir die Problemlagen vermuten oder finden, dann haben wir schon den Konflikt vorprogrammiert. Das sind auch Strategien, manchmal sind sie sinnvoll, aber meistens bringen sie auf Dauer nur das Gegenteil von dem, was man will. Und dass heisst dann, wir haben keine konvergente Entwicklung, sondern eine divergente Entwicklung. Bis jemand dann einmal sagt: Ich lebe einsam in der Zweisamkeit.'
Wenn Menschen zu Ihnen kommen, tun sie dies, weil sie merken, dass sie sich schleichend auseinander leben oder weil sie in einer akuten Krise stecken? Beides. Ich habe akute Krisen, wie gesagt, gestern der Herr zum Beispiel, da ist die Frau, sie will nicht mehr. Er muss jetzt ausziehen, nach 30-jähriger Ehe. Jetzt ist er eine Woche allein, und jetzt soll er alles neu machen. Am Wochenende ist er allein - allein in einer kleinen anderthalb Zimmer-Wohnung. Jetzt ist er in einer akuten Krise, wo er nicht weiss, wie er sein Wochenende verbringen kann. Das sind Problemlagen. Da muss man versuchen, mittels einer Krisenintervention diese akute Lebenssituation zu meistern. Und dann macht es keinen Sinn, darüber nachzudenken: Ja was haben Sie denn vorher falsch gemacht?' Hier geht es erst einmal um konkrete Lebensbewältigung. Was kann er machen? Wo kann er sich in einer psychosozialen Einrichtung versorgen? Wo hat er Möglichkeiten, beziehungsmässig anzudocken, bei Kollegen, Freunden, damit er nicht zwei Tage allein zu hause sitzt?
Sind Männer in dieser Situation völlig allein, oder können sie auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen? Das ist wieder eine Frage aus der Forschung, die Sie da ansprechen. Die Forschung scheint zu zeigen, dass die Frauen sich besser sozial verknüpfen können, und dass sich die Männer sehr auf die Frau ausrichten und das soziale Geschehen quasi ihr überlassen. Fällt das weg, hört man oft - wiederum ohne über eine abgesicherte Datenlage zu verfügen: Ich muss mir wieder einen Kollegenkreis aufbauen.' Von Freunden, Freundschaften dürfen Sie da gar nicht reden. Ich frage dann: Herr Müller, haben Sie Freunde?' Dann sagt er: Ich habe Kollegen.' - Ja wo sehen Sie die?' - Am Stammtisch.' - Und haben Sie da Unterstützung in Ihrer schwierigen Zeit?' Dann denkt er lange nach. Da merkt man auch, dass Männer etwas befangener sind, zu sagen: Mir geht es so und so. Hast du für mich Zeit?' Die Frauen plaudern das aus. Miteinander. Die Frau hat in ihrer Unbefangenheit, mit geschwächten inneren Zuständen umzugehen, eigentlich eine grössere Stärke.
Da spielen auch sicherlich kulturelle Parameter eine Rolle; Werte wie Erfolg und Karriere, die Art und Weise, mit Schwächen und Niederlagen umzugehen, oder wie das soziale Umfeld Schwächen oder Misserfolg einstuft und die Angst davor, im sozialen Umfeld als Versager dazustehen.
Und letztendlich haben wir, wenn wir das sehen, eine Widerspiegelung dessen, was sich auch in der Ehe vollzogen hat. Sie können einem Paar eine Frage stellen, und dann bekommen Sie fast schon eine Idee, wie das Paar funktioniert. Fragen Sie sie oder ihn - das ist egal: Beschreiben Sie mir einmal, wer Ihr Mann, Ihre Frau ist.' Dann kommen häufig Attribute wie zuverlässig, vertrauenswürdig. - Das meine ich nicht. Wer ist Ihr Mann? Welche Ängste hat Ihr Mann, welche Sorgen hat Ihr Mann? Hat er Angst vor dem Älter werden? Hat er Angst vor körperlichen Veränderungen?' Und so weiter. Da weiss man schon, wie wenig Substantielles kommt. Sowohl bei ihr wie bei ihm. Und dann merkt man schon bei einer so einfachen Frage, dass Paare zusammen leben, aber nicht zusammen leben. Dass sie nicht teilhaben an dem, was jeder Mensch im Verlauf des Lebens durchmacht. Nur schon in Bezug auf das Älter werden. Da haben Männer manchmal Phantasien von Impotenz, nicht mehr richtig Mann sein können, was da alles in den Köpfen vorgeht. Aber die Frauen wissen das nicht. Genau so wenig wie die Männer wissen, was die Frauen vor der Menopause beschäftigt. Sie haben Angst: Bin ich noch Frau, findet er mich noch attraktiv? Wird er mich noch schön finden, wenn ich nicht mehr...' Das sind ja alles Fragen, die eigentlich in eine Partnerschaft hineingehören - eigentlich. Und so merkt man: Jeder macht das für sich irgendwo aus, jeder geht für sich ein Stückweit allein. |


