Ein schlechter Vater wird geboren

Gemäss einem Bericht im Tages-Anzeiger ist Roger Köppel, Chefredakteur und Verleger der 'Weltwoche', Vater geworden.Diese Tatsache ist einigermassen überraschend, denn sein Credo lautet: 'Auf Väter kann man verzichten. Mütter sind unersetzlich'. Entsprechend erwartet er von der Mutter seines Sohnes, dass sie ihm Tugenden wie Ordungssinn, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit vermittelt. Wir fragen uns: Warum um alles in der Welt wird so jemand Vater? 

Geht es um Fragen von Bankgeheimnis und Politikerfilz, schwingt Roger Köppel gekonnt den verbalen Zweihänder. Ausgerechnet in Bezug auf sein Privatleben hat er sich nun tüchtig verhauen. In einem Editorial beschreibt Köppel recht adäquat die Mentalität des Millieus, dem er auch angehört: 'Es hat sich mittlerweile eingebürgert, dass gutausgebildete Frauen ihre Babys so rasch wie möglich in die Fremdbetreuung abschieben. Ich erlebe ungezählte Ehepaare, die sich noch vor der Geburt fast ausschliesslich mit dem Problem befassen, wie sie das Kind, das noch gar nicht auf der Welt ist, am wirksamsten wieder loswerden können. Die Erziehung des Nachwuchses geniesst oft geringeres Prestige als die teure Stereoanlage, die Designerkleider oder der neue Porsche Cayenne. An die Stereoanlage, die Kleider oder den Offroader lässt man keine Drittpersonen. Den Kindern mutet man von Geburt weg Legionen auswärtiger Experten zu.'

Köppels Beschreibung deckt sich mit den Beobachtungen von Ulrike Zöllner, die in ihrem bereits 1997 erschienenen Buch 'Die Kinder vom Zürichberg' die Wohlstandsverwahrlosung in begüterten Kreisen der Stadt Zürich aufzeigte. Sie legte auch schlüssig dar, dass die 'vaterlose Gesellschaft' und die emotionalen Mangelerscheinungen bei den betroffenen Kindern nicht erst im Rahmen einer Trennung oder Scheidung auftreten, sondern bereits im Lebensalltag jener Menschen, denen die Gier nach Geld und Prestige alles ist.   

Ein wesentliches Problem bei Köppel ist jedoch, dass er ohne weiteres von sich und seinem unmittelbaren Lebensumfeld auf andere schliesst, ohne sich auch die geringste Mühe zu machen, seine Behauptungen breiter abzustützen. Das klingt dann so: 'Ich hätte mir nie vorstellen können, zu meinem Vater eine ähnlich intime und vertraute Beziehung aufzubauen wie zur Mutter. Den meisten meiner Freunde ging es ähnlich. Das heisst nicht, dass einem der eigene Erzeuger zwingend fremd bleiben muss, aber es besteht eine andere, intensivere Chemie zwischen Müttern und ihren Kindern.'

Eine solche Aussage ist einerseits aus journalistischen Gesichtspunkten so fragwürdig, dass wohl jeder Redaktionsvolontär in der ersten Praktikumswoche einen Rüffel dafür erhalten hätte. Guter Journalismus setzt seine eigene Meinung als unbedingte Wahrheit und prüft seine Aussagen vor einer Publikation mehrfach.

Geradezu an den Kopf fassen muss man sich bei solchen Aussagen über die Rolle des Vaters Köppel. Er hat ja schon or der Geburt seines Kindes hat er klar gemacht, dass er keinerlei Betreuungsaufgaben wahrnehmen werde. Von seiner Frau erwartet er, dass sie seinem Sohn Tugenden wie Ordungssinn, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit vermittle. Wir fragen uns: Wenn er als Kind eine distanzierte Beziehung zu seinem Vater gehabt hat, weil sich dieser nicht für ihn interessiert hat, weshalb wird ein solcher Mensch als Mann denn selbst Vater, wenn er ebenfalls kein Interesse an seinem Kind zu zeigen gedenkt? Das Kind als: Statussymbol? gesellschaftliche Konvention? Betriebsunfall?  

Wir wünschen Herrn Köppel und seinem Kind, dass er zumindest nach der Geburt Interesse und Freude am Vatersein finden kann. Immerhin hat er sich ja ein Ziel gesetzt: 'Ich werde versuchen, keinen allzu schlechten Eindruck zu hinterlassen'. Sollte dies nicht gelingen, wird es um die Beziehung zu seiner Frau langfristig wohl leider nicht allzu rosig bestellt sein. Eine solche Aussage ist nicht eine Manifestation bösen Willens. Sie ist lediglich eine Vorhersage, die auf unserer jahrzehntelangen Erfahrung - auch aus solchen Millieus - beruht. Diese zeigt, dass Frauen jene Männer, die sich kaum zuhause zeigen und ihnen die Erziehungs- und Haushaltsarbeit überlassen, auf die Dauer nicht mehr sehr attraktiv finden und häufig nach einer Legalisierung ihres faktischen Daseins als Alleinerziehende streben. Dies gilt insbesondere für begüterte Männer, da deren Frauen bei einer Trennung kaum Einbussen an ihrem Lebensstandard befürchten müssen. Für die Kinder kann ein Vater, der sich zumindest alle 14 Tage ein paar Stunden mit ihnen beschäftigt, sogar ein echter Gewinn sein.  

Wie erwähnt wünschen wir Herrn Köppel auch langfristig eine gelingende Ehe. Sollte sich dereinst auch Herr Köppel unter jenen Männern wiederfinden, die von ihren besseren Hälften vor die Tür gesetzt wurden, wird auch ihm die Tür zu mannschafft offen stehen. 

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