Beitrag Riccardo Kuebler
Donnerstag, den 14. Juni 2007 um 13:33 Uhr
Die Bedeutung der Anwesenheit beider Elternteile für eine gute geistige und körperliche Entwicklung des Kindes
Kinder gehören sich selbst, sie gehören niemandem. In der gegenwärtigen Lage, in welcher die Kinder einem einzigen von beiden Elternteilen zugeteilt werden, gelangen wir zu einem Zustand, die demjenigen im römischen Recht gleicht, ausser dass es nicht mehr der Vater ist, der sämtliche Rechte an seinen Kindern besitzt (ja, auch dasjenige über Leben und Tod), sondern die Mutter. Man ist nicht sehr weit gegangen im gesellschaftlichen Fortschritt.
Man weiss seit langem, dass die regelmässige Abwesenheit eines Elternteils in der Erziehung eines Kindes schwere Schäden an seiner Persönlichkeit und seinem Selbstverständnis verursachen kann. Beide Elternteile sind von grundlegender Wichtigkeit, damit das Kind eine vollständige Persönlichkeit werden kann. Deren Rollen sind unterschiedlich, jedoch komplementär. Die Mutter gibt Zuneigung, der Väter setzt die Regeln. Die Mutter ist in ihrer Rolle beginnend mit dem Stillen dafür zuständig, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen, indem sie ihm alles gibt, was es für eine gesunde und gleichmässige Entwicklung braucht. Der Vater hingegen soll Wünsche wecken, d.h. die Fähigkeiten, Projekte zu entwickeln, Ziele zu verfolgen sowie die Gesetze und Regeln der Gesellschaft zu respektieren.
Die heutige Gesellschaft erkennt diese Rollen nicht an, indem sie die gesamte Verantwortung für die Betreuung und Erziehung von Kindern der Mutter zuschiebt. Darüber hinaus haben die Institutionen (beginnend mit der Schule) und der Staat die ja auch das Ziel haben, künftige Staatsbürger heranzubilden einen weiblichen Aspekt; nämlich jenen, Bedürfnisse zu befriedigen, und nicht Wünsche herauszubilden (d.h. Ziele zu verfolgen, das Gesetz und die Institutionen der bestehenden Ordnung zu respektieren).
Väter sind heute ausschliesslich auf den Unterhalt der Kinder zurückgestuft. Auch wenn man annehmen könnte, dass eine solche Rolle unter den Jägern der Steinzeit angemessen war (aufgrund der grundlegenden Notwendigkeiten und Zwängen des Alltags, aber auch in jenen Zeiten hatten Väter eine wichtige erzieherische Rolle), muss man doch die Schädigungen feststellen, welche gegenwärtig die Abwesenheit der Vaterfigur verursacht. In unserer Kultur selbst in normal zusammengestellten Familien, in welchen sich der Vater nicht besonders um die Kinder kümmert stellt man diverse Probleme bei den Jugendlichen fest: Abwesenheit von Werten, Abwesenheit von Identität, Unfähigkeit zum Verfolgen von Zielen, Unfähigkeit zur Formulierung von Projekten. All dies führt zu gestörten Verhaltensweisen wie Depressionen, Alkohol- und Drogenkonsum, Suizid usw.
Man kann nicht damit fortfahren, sich mit solchen Problemen zu beschäftigen ohne deren Ursache zu betrachten. Eine immer weiter verbreitete Ursache ist die Abwesenheit der Eltern als verantwortliche Erzieher ihrer eigenen Kinder. Die gegenwärtigen gesetzlichen Regelungen garantieren den betroffenen Kindern im Falle einer Trennung nicht die Gegenwart beider Elternteile. Sie zielen darauf ab, eine Figur normalerweise den Vater (in 90 % der Fälle) zu beseitigen. Die gegenwärtige Praxis der staatlichen Institutionen legt es nicht beiden Eltern auf, ihre Kinder gross zu ziehen und zu erziehen, wie dies die Art. 302 ZGB und 219 StGB sowie die Kinderrechtskonvention der UNO vorsehen.
Ein Kulturwandel drängt sich auf. Unser Ziel ist es, zu einer stärkeren Verantwortlichkeit der Kinder bei der Erziehung ihrer Kinder zu gelangen insbesondere im Falle einer Trennung. Die Eltern sollen dazu verpflichtet werden, bei der Erziehung ihrer Kinder zusammen zu arbeiten über das Gesetz, die Institutionen und durch Sanktionen. Die Eltern sollen sich um ihre Kinder von Geburt an kümmern und sie sollen auch dazu in die Lage versetzt werden. Man kann sich nicht mehr hinter dem alten Gemeinplatz verstecken, dass sich die Väter nicht um die Erziehung der Kinder kümmern würden, vor allem, wenn diese klein sind. Die verschiedenen Väterorganisationen in der Schweiz und auch im Ausland zeigen sehr wohl den Willen zur Anwesenheit und die Bereitschaft, Erziehungsaufgaben zu übernehmen.
Es ist klar, dass die gegenwärtige Situation nicht mehr haltbar ist. Man hört von den Gegnern, dass die paritätische Betreuung keine gute Lösung ist, dass dies den Kindern Schwierigkeiten schafft. Dessen ungeachtet gibt es immer mehr Studien, welche die Vorteile der paritätischen Kinderbetreuung darlegen. Eine davon ist die von Robert Bauserman, Ph.D., vom Ministerium für Gesundheit in Baltimore/Maryland. Er hat eine Meta-Analyse von 33 Studien durchgeführt, die 1'846 Fälle von alleiniger Obhut und 814 Fälle von gemeinsamer Verantwortung im Zeitraum von 1982 bis 1999 betrachten. Die Studien haben das Gleichgewicht der Kinder verglichen, die unter gemeinsamer Verantwortung, bei allein erziehenden Elternteilen, oder in 251 intakten Familien lebten. Die gemeinsame Verantwortung wurde sowohl als physische Obhut definiert (bei der ein Kind gleiche Zeiträume oder wesentliche Perioden bei beiden Elternteilen verbringt) oder als rechtliche Sorge, bei der ein Kind vor allem mit einem Elternteil lebt, aber beide Eltern an allen Aspekten des Lebens des Kindes Teil haben.
Kinder, die in einem Kontext gemeinsamer elterlicher Verantwortung lebten, hatten weniger Verhaltensauffälligkeiten, weniger emotionale Schwierigkeiten, ein höheres Selbstbewusstsein, bessere Familienbeziehungen und brachten höhere Schulleistungen als Kinder, die bei allein Erziehenden lebten. Kinder aus der ersten Gruppe waren ebenso ausgeglichen wie Kinder aus intakten Familien, fügt Bauserman hinzu, wahrscheinlich weil die gemeinsame Verantwortung den Kindern die Möglichkeit gibt, mit beiden Eltern einen regelmässigen Kontakt zu haben.
Diese Schlussfolgerungen zeigen, dass die Kinder nicht zwingend einer gemeinsame Betreuung bedürfen, um ein höheres Gleichgewicht aufzuweisen. Sie müssen jedoch einen wesentlichen Zeitraum mit beiden Eltern verbringen, insbesondere mit ihrem Vater, betont Bauserman. Paare mit gemeinsamer Verantwortung haben eingeräumt, weniger Konflikte auszutragen; vermutlich deshalb, weil beide Eltern auf ausgewogene Weise am Leben ihrer Kinder teilhaben können und nicht ihre Zeit damit verbringen, sich über Entscheidungen betreffend der Kindererziehung zu streiten. Leider besteht die Wahrnehmung, dass die gemeinsame Verantwortung schädlicher ist, weil sie die Kinder endlosen Streitereien der Eltern aussetzt. Diese Meta-Analyse ergibt jedoch, dass allein erziehende Eltern höhere Werte an Streitigkeiten deklariert haben.
Man kann also zeigen, dass die paritätische Betreuung dort wo man den Mut hatte, sie zu praktizieren funktioniert, sogar in der Schweiz. Alle Fragen, die normalerweise auftauchen sind praktische und logistische Fragen (die Unterkunft, die mit jedem Elternteil zu verbringende Zeit usw.), die man mit einer kleinen Anstrengung leicht lösen kann. Indem man diese kleine Anstrengung macht, kann man glückliche Kinder haben, die mit beiden Elternteile ohne Schwierigkeiten verkehren; Kinder, die eine gesunde und vollständige Persönlichkeit entwickeln; glückliche Kinder, die ein schönes Leben leben. Das ist alles, was wir uns für sie wünschen.
Riccardo Kuebler ist Präsident der Associazione dei genitori non affidatari (AGNA), Lugano
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