Ich möchte nur meinen Sohn sehen
"Extrem brutal ist, was ich ertragen muss. Ich sehe meinen Sohn nicht. Meine ehemalige Partnerin erlaubt es nicht. Doch wir haben das gemeinsame Sorgerecht. Auch ich habe Rechte. Schlimm ist, dass so etwas überhaupt möglich ist. Eine Mutter kann sagen: «Vater, du siehst das Kind nicht mehr, du warst böse zu mir.»
Mein Sohn ist heute siebeneinhalb Jahre alt. Vor rund 18 Monaten habe ich mich von meiner damaligen Lebenspartnerin getrennt. Er war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahr alt. Die Trennung von meinem Sohn war sehr traurig. Damals hätte ich aber nicht gedacht, dass alles noch viel schlimmer wird. In der ersten Zeit war er jede Woche ein- bis dreimal bei mir. Er hat auch bei mir geschlafen und ging weiterhin hier im Dorf in den Kindergarten.
Dann fand ein Wandel statt. Meine Ex-Partnerin hatte ständig Ausreden, warum mein Sohn nicht zu mir kommen konnte. Ich sah ihn rund zwei Wochen nicht. An einem Freitag holte ich ihn am Mittag zusammen mit der Mutter im Kindergarten ab. Er hat sich sehr gefreut und wollte unbedingt mit mir kommen. Für die Mutter kam dies nicht in Frage. Da er jedoch wirklich mit mir zusammen sein wollte, blieb er bei mir. Er war auch am Abend bei mir. Sie behauptete, dass ich ihn entführt hätte. Doch von Entführung kann keine Rede sein; sie wusste ja, wo er ist. Er hat an diesem Abend sogar noch seine Mutter angerufen, um gute Nacht zu sagen.
Dieses Erlebnis hat in der Mutter offenbar etwas ausgelöst. Von diesem Tag an war er nicht mehr hier im Dorf im Kindergarten. Sie ging vorübergehend mit ihm ins Ausland, für mich nicht mehr erreichbar.
Ein paar Tage später kam ein Schreiben ihres Anwalts. Darin war von einer Äusserung von mir die Rede, dass ich mich und meinen Sohn umbringen wollte. Das stimmt aber absolut nicht. Damit haben sie einfach verhindert, dass ich ihn sehen darf. Zudem stellte meine Ex-Partnerin mich später als Drogenabhängigen, als Verwahrlosten oder als Selbstmörder dar. Doch ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.
Ich war darauf bei der Vormundschaft und habe gesagt, was passiert ist. Irgendwann kam ein Beschluss, dass er mich trotz allen Beschuldigungen treffen darf, aber nur in Begleitung. Die Behörden untersuchten die Vorwürfe gegen mich. In dieser Zeit hätte ich theoretisch alle 14 Tage meinen Sohn sehen sollen. Sie hat das aber immer verweigert. Ein einziges Mal hat ein Treffen stattgefunden, bei dem zwei Sicherheitsleute anwesend waren. Ich bin darauf eingegangen, weil ich ihn sehen wollte. Die Anwesenheit der Sicherheitskräfte war natürlich eine sehr spezielle Situation. Aber noch unerträglicher wäre gewesen, dass ich ihn gar nicht mehr sehe.
Doch auch mit diesen Regeln gab es an den vorgegebenen Terminen immer Probleme. Ich habe ihn in dieser Zeit während zehn Monaten nur ein einziges Mal gesehen. Zweimal stand ein Termin, bei dem ein Begleitservice dabei sein sollte. Solche begleiteten Besuche organisiert die Vormundschaftsbehörde. Eine Frau hätte meinen Sohn am Morgen abholen sollen. Ich wartete in der Kälte vor dem Zoo. Die Frau ist alleine gekommen, weil die Mutter ihn nicht mitgehen liess. Immer hiess es, dass niemand sie zwingen könne. Das hat mich schier wahnsinnig gemacht. Für mich war das damals ganz schlimm. Anfangs fehlte mir manchmal bereits mittags die Kraft zu arbeiten. Ich fuhr nach Hause und habe geschlafen.
Wenn ich bei der Vormundschaftsbehörde etwas sage, habe ich das Gefühl, dass man mir glaubt. Ich verstehe aber nicht, wieso sie nichts machen. Letztlich fehlt ein klares Wort.
Ich glaube, dass ein Mann in einer solchen Situation tatsächlich schlechter dasteht als eine Frau. Im Gesetz heisst es zwar, dass jeder Vater ein Recht darauf hat, sein Kind zu sehen. Doch es wird nicht eingehalten. Und für die Mutter hat das kaum Konsequenzen. Es gäbe zwar Möglichkeiten: Theoretisch könnte sie eine Busse bekommen, wenn sie es mir wieder verunmöglicht, meinen Sohn zu sehen. Es gäbe zudem die Möglichkeit, dass ich ihn mit der Polizei hole. Das ist aber eine rein theoretische Variante, weil das dem Kind nicht gut täte. Es gäbe das Druckmittel, dass ihr das Sorgerecht entzogen würde. Sie hat Spielraum, kann lügen, alles machen.
Die meisten Leute, die ich kenne, hätten auf den Tisch gehauen und ihren Sohn einfach zu sich genommen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. «Gewalt» damit meine ich, wenn ich meinen Sohn von der Schule holen würde hätte in ein Chaos geführt. Oder wenn ich bei ihr geklingelt und gesagt hätte, dass ich meinen Sohn sehen möchte. Das hätte ich ihm nicht zumuten können.
Sehr schwierig abzuschätzen war für mich, ob mein besonnenes Handeln richtig ist. Mein Sohn hat mir zu verstehen gegeben, dass er mich sehen will. Und die Mutter sagt einfach: «Nein.» Ist mein Handeln richtig? Ist das dem Kind gegenüber gerecht? Hätte ich mit den Fäusten kämpfen sollen, um ihm zu helfen? Habe ich ihn mit meinem Handeln nicht im Stich gelassen? Diese Zweifel sind etwas vom schwierigsten für mich.
Im letzten Frühling wurde ein Gutachten erstellt. In dieser Zeit habe ich meinen Sohn zweimal bei der Kinderpsychiaterin getroffen. Das waren positive Erlebnisse. Obwohl ich ihn so lange nicht gesehen habe und er sehr viel Unwahres und Schlechtes über mich gehört hatte, war es fast wie früher. Die Gutachterin hat festgestellt, dass er sehr gerne mit mir zusammen ist und das Thema «Selbstmord» in meinem Fall absurd ist.
In der Folge kamen plötzlich vier Treffen mit Begleitpersonen zustande. Wenn es das Wetter zuliess, ging ich mit meinem Sohn Fussball spielen. Diese Treffen waren absolut lässig. Nach diesen vier Terminen sollte ich ihn unbegleitet sehen können. Seine Mutter hat darauf jedoch ganz extrem reagiert und versuchte dies zu verhindern. Dies ist der Stand bis heute.
Meine Wunschvorstellung wäre, dass mein Sohn bei der Mutter bleiben kann. Ein Herausreissen aus seiner gewohnten Umgebung wäre für ihn sehr schlimm. Sie müsste aber wahrscheinlich in einer Therapie ihre Wut gegen mich überwinden. Ich wünsche mir, dass ich regelmässig und unter normalen Umständen mit meinem Sohn in Kontakt sein kann. Ich zweifle daran, dass dieser Wunsch wahr wird. Ich höre in Äusserungen von ihm, dass er von seiner Mutter oft belogen wird. Einmal fragte er mich, ob ich denn wieder gesund werde, da ich doch krank im Kopf sei. Ein andermal fragte er mich, ob ich ihm mit dem Geld, das ich der Mutter weggenommen habe, etwas zu Weihnachten kaufe. Das ist extrem unfair und macht mich wütend. Wie kann man so etwas einem Kind antun?
Ich kenne den Stress, den er hat, wenn er mit mir zusammen war und dann nach Hause kommt. Darum habe ich mir auch überlegt, ob ich ihn nicht mehr sehen soll. Es würde aber eine Ungerechtigkeit zurückbleiben, was weder für ihn noch für mich in Ordnung wäre. Wenn es einen Grund gäbe und ich wirklich ein Problem hätte, dann könnte ich das vielleicht akzeptieren und ihn nicht mehr sehen. Doch ich habe absolut nichts gemacht. Darum wäre es wahrscheinlich das Schlimmste, wenn ich meinen Sohn einfach fallen lassen würde.
(c) Zürcher Unterländer, 24.10.08